Vergangenheit und Quellen
Geschichte ist nicht einfach gegeben, sondern Geschichte entsteht erst und wird erst ‚gemacht’, wenn und indem ein Bedeutungszusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit hergestellt wird. Die Vergangenheit ist – wie der Name schon sagt – vergangen und diese unwiderruflich. Zurück lässt sie Überreste, die einen vergangenen Zeitpunkt nur fragmenthaft abbilden. Diese Relikte einer vergangenen Gegenwart nennt der Historiker: Quellen.
Konstruktion und Perspektivität
Geschichte ist immer eine Konstruktion1 eines Menschen, der sie denkt, erzählt oder schreibt. Als solche bleibt sie immer unvollkommen. Erstens wegen der Fragmenthaftigkeit der Quellen und zweitens wegen der subjektiven Wahrnehmung des Menschen an sich. Schon dieselbe Gegenwart werden zwei Menschen niemals gleich erleben. Die Tätigkeit eines Historikers ist daher eine durchaus kreative an der Schnittstelle zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wenngleich es eine abschließende und dauerhaft gültige Geschichte nicht geben kann, kommt der historischen Forschung eine starke Wahrheitsähnlichkeit zu, so lange die entworfene Geschichte sich an den Quellen messen lässt.
Fragen aus der Gegenwart
An sich ist die aus Quellen erfahrbare Vergangenheit ein Ensemble nichts sagender Daten, die voneinander und untereinander beziehungslos und sinnlos sind. Für uns gewinnen sie erst Bedeutung und Sinn wenn wir – notwendigerweise aus unserer Gegenwart – Fragen an sie richten. Erst in der durch die Frage ausgelösten Sicht auf die Vergangenheit können die Daten untereinander verbunden werden. Diesen Bedeutungszusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit, den wir Geschichte nennen, versuchen Menschen herzustellen, weil sie an der Lösung praktischer Probleme in ihrer Gegenwart interessiert sind und sich von der Erinnerung Informationen oder Orientierungen erhoffen, die für die Lösung der gegenwärtigen Probleme hilfreich sein können. […]
Orientierung in Gegenwart und Zukunft
Die aus Quellen erfahrbare Vergangenheit wird also aus praktischen Interessen aus den wechselnden Problemlagen der sich unablässig in die Zukunft absetzenden Gegenwart immer neu befragt. Geschichte als fortgesetzter Versuch, vergangenes menschliches Handeln und Leiden für uns zu erfassen, entsteht also überhaupt erst, wenn ein gegenwärtiges Interesse und Bedürfnis an Orientierung und Information vorliegt, das auf eine an Erfolg versprechende Regeln gebundene Erinnerung drängt: Geschichte ist eine Denkbewegung, die notwendigerweise in der Gegenwart ansetzt und sich mit vergangenem menschlichen Handeln und Leiden auseinandersetzt, um in der Gegenwart und Zukunft ein Vernunft geleitetes Handeln zu ermöglichen
1 von lat. con ‚zusammen‘, ‚mit‘ und struere ‚bauen‘
Aus: Vgl. Bergmann K. Gegenwartsbezogenheit und Zukunftsbezogenheit historischen geschichtsdidaktischen Denkens. In: Schörken, r. (Hrsg.): Der Gegenwartsbezug der Geschichte. Stuttgart 1981 S.39ff und Hartmann, A.: Was ist Geschichte? www.gnomon.kueichstaedt.de/LAG/proseminar/TutoriumEichstaedt.pdf, Stand März 2010.